„Es reicht oft auch schon die Rückfrage ‚Wo hast du das gelesen‘“

Ein Praxis-Interview

Ein Proträtfoto von Roland Maas. Roland Maas trägt einen blau und orangenen Pullover und lächelt breit in die Kamera, sodass seine Zähne zu sehen sind.

Wir sprechen mit Roland Maas, Berufsschullehrer aus Bayern, darüber, welche Rolle das Verschwörungsdenken im Berufsschulalltag einnimmt.

Welche Berührungspunkte haben Sie als Berufsschullehrer mit Verschwörungsdenken?

Vereinzelt wird man von Schüler:innen damit konfrontiert, meistens mit Inhalten, die sie im Internet entdeckt haben, oder woanders aufgeschnappt haben. Im Unterricht direkt habe ich einen Text über die Querdenker-Demos behandelt und den Themenkomplex „Behauptung – Meinung – Tatsache“. Im Kollegium hatte ich auch schon zwei „Diskussionen“, über die Wirksamkeit von Tests oder die Rolle der Medien u.a. Diese Gespräche fanden unpraktischerweise spontan und in der Mittagspause statt.

Welche Funktion können Berufsschullehrkräfte einnehmen, um Verschwörungsdenken im Berufsschulalltag entgegenzutreten?

Die Konfrontation seitens der Schüler:innen mit diesen Themen ist eigentlich ein willkommener Anlass dafür, eine Unterrichtseinheit zu Fake News und Deep Fakes einzulegen. Wichtig dabei ist auch die Technik des Faktenchecks, also der Umgang mit Quellen und die Verifizierung bzw. Falsifizierung derselben. Man kann also weiterhin sowohl als Wissensvermittler fungieren aber auch als Vermittler von Medienkompetenz. Außerdem kann man so zeigen, dass man die Sorgen der Schüler:innen wahr- und ernstnimmt.

Wie sähe Ihrer Meinung nach ein gelungener Umgang mit solchen Situationen aus?

In den meisten Fällen stellen die Schüler:innen eine konkrete Frage -selten eine suggestive Frage -, sodass man sich wirklich kurz damit auseinandersetzen kann. Man sollte auf jeden Fall die Frage(n) ernstnehmen und nicht verspotten.

Es reicht oft auch schon die Rückfrage „Wo hast du das gelesen?“ Selten wissen sie es (noch), manchmal ist es aber auch eine Quelle in ihrer Muttersprache. In dem Fall kann man darauf verweisen, ob diese Infos auch auf Deutsch zur Verfügung stehen.

Generell sollte man diese Zweifel nicht abtun, dann aber gekonnt zerstreuen. Man muss dabei ruhig bleiben, auch wenn das bei diesem Thema zunächst nicht immer einfach zu sein scheint.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich als Berufsschullehrer am dringendsten in diesen Zeiten?

Ich hatte nie das Gefühl, dass seitens des Kollegiums, der Schulleitung, der Schulfamilie und der Stadt dem Verschwörungsdenken irgendein Raum gegeben wird. Das hat mich in meinem Handeln sehr bestärkt.

Generell bräuchte es gerade im Aus- und Fortbildungsbereich noch einen viel größeren Fokus auf Medienkompetenz in egal welcher Art, also sowohl in der Handhabe derselben als auch im Umgang mit Netzinhalten.

Seitdem wir in Distanz unterrichten, geht’s vor allem darum, wie man verschiedenste Tools im Unterricht anwendet, aber man könnte noch viel mehr den Fokus auf die richtige bzw. kritische Einordnung von Inhalten lenken, um Manipulationen, Fake News usw. schneller zu erkennen

Im Kollegium fehlt gewissermaßen noch ein Bewusstsein dafür, dass „das Digitale“ nicht mehr verschwindet, sondern eher mehr wird. Dabei spielt Angst eine große Rolle, da Lehrkräfte im Allgemeinen über einen Wissensvorsprung vor ihren Schüler:innen verfügen; dieser Vorsprung ist in diesem Bereich aber oft nicht vorhanden oder nur gering ausgeprägt – wird aber auch immer wieder unterschätzt, denn die Generation Z bewegt sich einfach anders im Netz bzw. nutzt das Internet ganz anders. Und das ist genau der Punkt, an dem alle Parteien so viel lernen können, miteinander, aber auch voneinander!