„Medienkompetenz wird an allen Lernorten der dualen Ausbildung vermittelt"

Ein Gespräch mit Gabriele Jordanski vom Bundesinstitut für Berufsbildung

Portraitfoto von Gabriele Jordanski

Wir sprechen mit Gabriele Jordanski, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) für kaufmännische Berufe, darüber, inwieweit die Mediennutzung in der Berufsbildung eine Rolle spielt und über die Chancen und Herausforderungen der Mediennutzung in der Berufsbildung.

Inwieweit ist die Medienkompetenz relevant in der Berufsbildung?

Der Umgang mit Medien gehört in vielen dualen Ausbildungsberufen zur beruflichen Tätigkeit, daher ist es auch relevant für die Berufsbildung. Jedoch gibt es große Unterschiede zwischen den Berufen. Je nach Beruf oder Branche werden Medien unterschiedlich genutzt, sowohl was die Art und Weise, den Zusammenhang als auch den Umfang betrifft. So gibt es Berufe, die als Kernaufgabe sowohl analoge als auch digitale Medien konzipieren, gestalten und produzieren, sogenannte medienproduzierende Berufe. Hierzu gehören zum Beispiel Fotografen und Fotografinnen oder Mediengestalter/innen digital und print. Für sie ist Medienkompetenz sehr bedeutsam und wird umfänglich und vertieft benötigt. Außerdem gibt es Berufe, in denen Medien integriert in die tägliche Arbeit genutzt werden, um berufliche Aufgaben zu bearbeiten und Informationen zu beschaffen. Hierzu werden Medien in Form von digitalen Softwareprogrammen und Systemen ebenso genutzt wie das Internet und Social-Media-Plattformen. Hierzu gehören viele kaufmännische Berufe, zum Beispiel Bankkaufleute, Industriekaufleute und Kaufleute für Büromanagement, die eine dementsprechende umfängliche Medienkompetenz benötigen. In anderen Berufen hingegen werden Medien weniger intensiv eingesetzt, wie beispielsweise in den Bauberufen.

Die Anforderungen an die Medienkompetenz können also von Beruf zu Beruf sehr unterschiedlich ausfallen, wobei sich jedoch die Anforderungen über die Zeit verändern können, da sich die Möglichkeiten des Medieneinsatzes und Tätigkeitsprozesse weiterentwickeln. Zur beruflichen Medienkompetenz gehören verschiedene Dimensionen und Teilaspekte. Die Wesentlichen sind:

  • aufgabenbezogen Medien auswählen und/oder entsprechende Hard und Software bedienen,
  • in verschiedenen Medien recherchieren, die Informationen bewerten und beurteilen sowie die Arbeitsergebnisse gestalten und/oder dokumentieren,
  • Rahmenbedingungen der Mediennutzung berücksichtigen
  • die rechtlichen und ethischen Grundlagen der Mediennutzung beachten und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen,
  • Medien zum Austausch und zur Zusammenarbeit mit anderen nutzen, sich aktiv einbringen und dabei darauf achten, andere zu respektieren und niemandem zu schaden,
  • sich mündlich und schriftlich situationsbezogen ausdrücken und dabei die gängigen Regeln berücksichtigen sowie
  • selbstständig und zielgerichtet lernen.

Diese Anforderungen gelten in unterschiedlichem Ausmaß für die einzelnen Berufe und sind auch nicht alle und immer für jeden Beruf notwendig. Daher werden Auszubildende passend zu den Anforderungen ihres Berufs in Medienkompetenz fit gemacht.

 

Über welche Kompetenzen sollten Berufsschullehrkräfte und Ausbilder:innen verfügen, damit sie Medienkompetenz sachgerecht an die Azubis vermitteln können?

Zum einen sollten Berufsschullehrkräfte und Ausbilder:innen über eine eigene individuelle Medienkompetenz verfügen, so wie unter Frage 1 beschrieben. Darüber hinaus benötigen sie aber auch medienpädagogische Kompetenzen, die folgende Aspekte umfassen:

  • Sie sollten in der Lage sein, digitale Medien gut überlegt auszuwählen, einzusetzen und weiterzuentwickeln, um die Qualität der Lehr- und Lernprozesse zu steigern. Wichtig ist, dass sie dabei die Lebenswelt der Auszubildenden berücksichtigen. Beispiele wären hier Software, die berufliche Abläufe gut nachvollziehbar bildlich darstellt, oder elektronische Ausbildungstagebücher, die den Auszubildenden Gestaltungsmöglichkeiten bieten.
  • Des Weiteren sollten Berufsschullehrkräfte und Ausbilder:innen fähig und bereit sein, die gesellschaftliche und individuelle Bedeutung von Medien und Digitalisierung gemeinsam mit den Auszubildenden kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren. Das Spektrum für mögliche zu behandelnde Themen ist breit, es reicht von sozialen und ethischen Aspekten bei der Mediennutzung in der Ausbildung und präventiven Maßnahmen gegen Cybermobbing über die kritische Reflexion von Social Media Nutzung im Arbeitskontext, wie z. B das unabsichtliche Ausplaudern von Geschäftsgeheimnissen über WhatsApp, bis hin zu Fragen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes bei der Nutzung von Online-Plattformen.
  • Außerdem sollten sie in der Lage sein, die betrieblichen Abläufe und Bedingungen zu berücksichtigen und - wenn sich Möglichkeiten bieten - diese auch innovativ zu gestalten, wenn sie digitale Medien in berufliche Lehr- und Lernprozesse einbinden.  Ein Beispiel ist hier, digital gestützte Lehr- und Lernphasen in den Ausbildungsalltag einzubauen und dabei die Sicherheitsrichtlinien des Betriebes beim Einsatz von Lernsoftware und der Nutzung von Inhalten aus dem Internet (Thema Virenschutz und Cyberattacken) zu beachten.

Die genannten Kompetenzen sind beim Ausbildungspersonal und den Berufsschullehrkräften individuell unterschiedlich ausgeprägt und müssen dementsprechend erworben oder weiterentwickelt werden. Man kann jedoch beobachten, dass die Entwicklungen durch die Pandemie einen Schub bekommen haben und viele Menschen hier kompetenzmäßig aufgeholt haben. Im Bundesinstitut für Berufsbildung haben wir einen Arbeitsbereich, der sich intensiv mit dem Thema Medienkompetenzen von Ausbildungsverantwortlichen auseinandersetzt. Unter anderem werden zu den Medienkonzepten aus dem BMBF-Förderprogramm "Digitale Medien in der beruflichen Bildung" Web-Seminare angeboten, die sich in der Praxis bewährt haben. Näheres findet sich über die BMBF-Seite.

Medienkompetenz wird an allen Lernorten der dualen Ausbildung vermittelt, jedoch bestehen je nach Lernort unterschiedliche Schwerpunkte. Beispielsweise steht im Betrieb die Nutzung der betrieblichen Systeme und Plattformen im Vordergrund, wohingegen in der Berufsschule eher grundlegende digitale Abläufe und Zusammenhänge vermittelt werden. Berufsschullehrkräfte müssen daher nicht alle Varianten betrieblicher Software beherrschen und vermitteln können. Insgesamt beobachten wir eine Tendenz dahin, dass das eigenaktive Lernen, auch in Zusammenarbeit mit anderen Auszubildenden, zunehmend im Vordergrund steht. Betriebliche und berufsschulische Lehrkräfte übernehmen dann eher die Rolle von Coacher:innen, die den Lernprozess unterstützend begleiten und lenken.

 

Worin sehen Sie die Gefahren für die Mediennutzung bei Auszubildenden?

Eine besondere Herausforderung liegt im Umgang mit Daten und Datenquellen. Gefahren bestehen vor allem hier hinsichtlich des Datenschutzes und der Datensicherheit der Daten sowohl im betrieblichen Zusammenhang, als auch der eigenen persönlichen Daten. Gerade durch Vernetzung verschiedener digitaler Systeme ist es nicht immer leicht erkennbar, wo die Daten, die man gerade eingegeben hat, schließlich landen. Daher ist es wichtig, die Zusammenhänge und die Informationswege zu kennen, um sie beim eigenen Tun zu berücksichtigen. Das ist natürlich besonders wichtig, wenn man mit sensiblen Daten arbeitet, wie zum Beispiel in der Personalabteilung. Es gibt viele rechtliche und betriebliche Vorgaben, die beachtet werden müssen. Wenn sich Auszubildende auf Social Media Plattformen bewegen, besteht die Gefahr, dass vertrauliche, persönliche Informationen öffentlich zugänglich macht werden. Dazu gehört auch, dass „versehentlich“ Betriebsgeheimnisse oder Äußerungen über Vorgesetzte oder Kollegen ausgeplaudert werden können.

Auch der Umgang mit der Datenflut ist nicht unproblematisch. Da immer größere Datenmengen in immer kürzerer Zeit eintreffen und zu beachten sind, kann es allein schon durch die Masse zur Überforderung kommen. Da ist es wichtig, die eigenen Ressourcen im Blick zu behalten und fähig zu sein, Vorgesetzte einzubeziehen, wenn es zu viel wird.  Werden die digitalen Medien umfänglich und in erster Linie alleine genutzt, kann die Problematik mangelnder persönlicher Kontakte entstehen. Daher sollte in der Ausbildung immer genügend Raum für persönliche Zusammentreffen bleiben, die einen Austausch von Angesicht zu Angesicht ermöglichen, damit tragfähige persönliche Kontakte und Netzwerke aufgebaut werden können. Denn die gegenseitige Unterstützung wird auch zukünftig bedeutsam bleiben.

 

Wie wird bisher in der Berufsbildung Mediennutzung vermittelt, damit die Azubis gegenüber Fake-News sensibilisiert sind?

Vorab muss man sagen, dass die in der dualen Berufsausbildung mindestens zu vermittelnden Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten in Ausbildungsordnungen festgelegt sind. Die konkreten Inhalte für die betriebliche Seite stehen im Ausbildungsrahmenplan und für die Berufsschulen im Rahmenlehrplan. Daran müssen sich die Ausbildenden und Lehrkräfte halten. Jedoch sind die Vorgaben bewusst abstrakt gehalten, so dass sie passend zu den betrieblichen Gegebenheiten mit Leben gefüllt werden können. Die Begriff Fake-News findet sich dann auch nicht wortwörtlich in den Ausbildungsrahmenplänen, zumal er nur auf Falschinformationen in Nachrichten abzielt. Fachkräfte benötigen für ihren beruflichen Alltag jedoch die Kompetenz, über Nachrichten hinaus auch vielfältige andere Daten, Informationen und Quellen auf ihren Aussagewert hin einzuschätzen; natürlich je nach Beruf in unterschiedlichem Ausmaß. Am Beispiel der Kaufleute für Büromanagement lässt sich das gut veranschaulichen, hier lauten die Anforderungen:

a) Informationen recherchieren, beurteilen, aufbereiten und archivieren

b) Informationen auswerten, interpretieren und in sprachlich angemessener Form weitergeben

c) Vor- und Nachteile verschiedener Informationsquellen berücksichtigen

Wie diese Kompetenzen dann konkret vermittelt werden, liegt in den Händen der Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen und anderen zuständigen Institutionen, wie zum Beispiel den Kammern. Aus Studien und Interviews wissen wir, dass diese Thematik von vielen Ausbildungsverantwortlichen als sehr wichtig erachtet wird und vielfältiges Material für eine interessante Vermittlung zur Verfügung steht, von der rege Gebrauch gemacht wird. Die Arbeit an realen, beispielhaften Informationen aus unterschiedlichen Quellen wird genauso genutzt wie auch der gemeinsame Austausch der Auszubildenden untereinander, um die Informationen zu verstehen, auszuwerten und zu durchdenken. Da sind wir dann auch bei der Vermittlung von Sozialkompetenz, die für die Berufsbildung bedeutsam ist. In den von Ihnen angesprochenen „Fake-News“ ist eine gesellschaftspolitische Komponente enthalten. Zum Beispiel, wenn bestimmte Personengruppen diffamiert werden. Eine Sensibilisierung für diesen Bereich geschieht in der Berufsausbildung unter anderem bei der Vermittlung von soziokultureller Kompetenz, z. B. in dem das Verständnis für kulturbedingte Besonderheiten der Menschen vermittelt wird. In Berufsschulen wird dies im Zusammenhang mit verschiedenen Lernfeldern vermittelt, um die unterschiedlichen Facetten und Zusammenhänge deutlich zu machen. In der Ausbildung der Kaufleute für Büromanagement beispielweise wird im Bereich „Personalwirtschaftliche Aufgaben“ die Berücksichtigung gesellschaftlicher Verantwortung, auch in Bezug auf Inklusion und Migration, vermittelt.

Insgesamt gilt jedoch auch hier, dass es Unterschiede zwischen den Branchen, Betrieben und Lehrkräften gibt.

 

Welche Maßnahmen werden ergriffen oder sollten ergriffen werden, um die Medienkompetenz der Auszubildenden zu fördern?

Zunächst ist festzuhalten, dass der Umgang mit Medien im Berufsleben und dementsprechende Anforderungen an Medienkompetenz nicht neu sind und es daher bewährte Methoden zu deren Vermittlung gibt. Durch technologische und gesellschaftliche Weiterentwicklungen weitet sich das Feld aus, so dass neue Anforderungen aber auch Möglichkeiten hinzukommen.  Im Zuge dessen wurde in den letzten Jahren sehr viel entwickelt, um die neuen Möglichkeiten aufzugreifen und Medienkompetenz der Auszubildenden zu fördern. Wichtig ist dabei, die verschiedenen unter Frage 1) aufgeführten Aspekte, die zur Medienkompetenz gehören, einzubeziehen. Zum Beispiel die Kompetenz über digitale Medien mit anderen zusammenzuarbeiten. Da sich Medienkompetenz am besten über das praktische Tun erwerben lässt, sollten den Auszubildenden die benötigten Medien in ausreichendem Maß und gut funktionierend bereitgestellt werden und der Kontakt der Auszubildenden untereinander gefördert werden.  Hier sollten auch unbedingt Personen, die evtl. weniger Erfahrung im Umgang mit Medien haben, stärker unterstützt und begleitet werden.

Aus Befragungen eines BIBB-Projektes über die Anforderungen der Digitalisierung an Industriekaufleute wissen wir, dass viele Betriebe eine Vielfalt von kreativen Ansätzen entwickelt haben, um die Medienkompetenz ihrer Auszubildenden zu fördern. So gibt es Betriebe die ihre Auszubildenden, gemeinsam Projekte entwickeln und durchführen lassen, wie zum Beispiel einen Ausbildungstag der offenen Tür. Bedeutsam ist hier auch die Zusammenarbeit an gemeinsamen Dokumenten über sogenannte Kollaborationsplattformen. Manche Betriebe haben spezifische Internetseiten und Blogs für ihre Auszubildenden eingerichtet, die sie selbst mit unterschiedlichen Inhalten bestücken können. Dabei werden die Auszubildenden in gängige Social Media Plattformen eingebunden und zum gegenseitigen Austausch angeregt. Die von den Auszubildenden erarbeiteten Inhalte reichen von Texten, über Bilder und Grafiken bis hin zu selbst erstellten Videofilmen. Beispielsweise stellen sie die Ausbildung im Unternehmen vor oder berichten von besonderen Ereignissen. Die Eigenständigkeit, mit der sich Auszubildenden im Lernprozess Informationen digital beschaffen, nimmt zu. Hilfreich sind Ausbildungsprogramme in denen Übungen für Prüfungen etc. hinterlegt sind, Informationen abgelegt und der eigene Lernfortschritt festgestellt werden kann.